Von uns, für uns: Queere Communities, die den Radsport verändern

Traditionell gilt der Radsport als Domäne weißer, cisgeschlechtlicher Männer. Das zeigt sich in seiner Clubkultur, im Profisport und in der Art und Weise, wie Mainstream-Medien Emotionen und Leistungen rund ums Radfahren darstellen. Dieses Bild bestimmt mit, wer sich in dieser Welt willkommen fühlt – und wer nicht. An einem Social Ride teilzunehmen ist nicht für alle ein natürlicher Schritt: Für viele bedeutet es, sich den eigenen Platz in der Gruppe erst erkämpfen zu müssen. Deshalb kann sich eine gemeinsame Ausfahrt manchmal verletzlicher anfühlen als eine lange Solo-Tour.

Kein Sport ist von Natur aus exklusiv. Gleichzeitig ist Sport ein Spiegel der Gesellschaft. Deshalb zeigen sich auch im Sport dieselben Formen von Gewalt: Rassismus, Sexismus sowie Queerfeindlichkeit. Überall auf der Welt erleben Menschen, die sich als queer identifizieren oder Teil der LGBTQIA+-Community sind, Diskriminierung und sind körperlicher wie psychischer Gewalt ausgesetzt – allein dadurch, dass sie ihre Identität offen leben.

Identität ist mehr als das, was wir sind. Sie beschränkt sich nicht auf unseren Namen, unser Alter, unseren Geburtsort oder die Farbe unseres Fahrrads. Sie ist auch der Punkt, an dem sich all jene Teile von uns überschneiden, die die Gesellschaft voneinander trennen möchte: Queerness, race*, Geschlecht, soziale Klasse, Behinderung, Religion. Dimensionen, die gleichzeitig existieren, im selben Körper und auf demselben Ride.

Die US-amerikanische Juristin und Wissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw hat den Begriff der Intersektionalität geprägt, um zu beschreiben, wie eine Person gleichzeitig von verschiedenen Formen der Diskriminierung betroffen sein kann. Heute entstehen im Radsport Communities etwa für lesbische Radlerinnen, Schwarze schwule Radfahrer oder queere Geflüchtete; Communities, die Räume schaffen wollen, in denen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zusammenkommen und Beziehungen aufbauen können, ohne ständig exponiert zu sein. Räume, die von ihnen und für sie geschaffen sind. Räume, in denen sie einfach sie selbst sein können.

Je besser wir uns selbst verstehen, desto bewusster wählen wir, wie wir unsere Zeit verbringen – und wo und mit wem wir uns wirklich zu Hause fühlen. Kein Raum ist per se sicher – deshalb ist eher von safer spaces, sichereren Räumen, die Rede –, doch entscheidend ist das kontinuierliche Engagement dieser Communities für Sicherheit, Inklusion, Gleichheit, Solidarität und vor allem Befreiung.

Chicane Bike Club – Berlin (Deutschland)

Der Chicane Bike Club in Berlin stellt Inklusion in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Ziel des Kollektivs ist es, eine Community für all jene zu schaffen, die sich im traditionellen Bild des Radsports nicht wiederfinden: ein Netzwerk aus queeren und FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Menschen), die sich gegenseitig unterstützen und ermutigen, neue Herausforderungen anzunehmen – etwa Ultra-Distance-Rennen oder Bikepacking-Touren. Wie das Motto pedals as portals andeutet, möchte Chicane den Radsport zugänglicher für queere und FLINTA-Personen machen – durch Gravel- und Rennrad-Social-Rides, Workshops und weitere Bildungsformate.

Queer Wheels Cycling Club – Amsterdam (Niederlande)

Ähnliche Communities entstehen weltweit. Dazu gehört der Queer Wheels Cycling Club in Amsterdam, geleitet von Sebastien, trans Aktivist*in für mehr Inklusion im Radsport. „Es ist schön, sich überall zuhause fühlen zu können – egal wohin man geht und wen man trifft“, sagt Sebastien. Viele Aktivist*innen betonen die Bedeutung von Inklusion für die körperliche und mentale Gesundheit, doch einer der wichtigsten Aspekte ist wahrscheinlich die soziale Gesundheit. Räume wie Queer Wheels ermöglichen Begegnungen mit Menschen, die eine wirklich solidarische Weltsicht teilen.

Und genau deshalb ist Repräsentation wichtig. Zwar lässt sich die Wirkung von Sichtbarkeit allein schwer messen, doch wenn Menschen wie wir selbst an Ultra-Gravel-Rennen teilnehmen, einen Kindersitz an einem Mountainbike anbringen, einen Cycling Club leiten oder einfach bei einem Social Ride dabei sind, zeigt uns das, dass auch wir dort dazugehören. Repräsentation fördert damit nicht nur individuelle Identifikation: Sie schafft Gemeinschaft.

Queer Shift – Colorado (USA)

Ausdrücke wie no drop und ride with pride sind in queeren Radsport-Communities weltweit verbreitete Leitsätze. Sie signalisieren, dass ein Raum ein safer space ist. Die Gruppe Queer Shift in Colorado organisiert beispielsweise Social Rides im No-Drop-Format, bei denen niemand zurückgelassen wird, sowie Fundraising-Events wie Bike for LGBTQ+ Youth zugunsten dem Trevor Project, einer Organisation zur Suizidprävention bei LGBTQ+-Jugendlichen. Queer Shift zeigt damit exemplarisch, wie eine gemeinsame Leidenschaft über das Radfahren hinaus konkrete gesellschaftliche Wirkung entfalten kann.
Wenn Räume ihre Werte klar nach außen kommunizieren, muss man sich nicht mehr ständig fragen, ob dort auch für eine*n selbst Platz ist oder ob man sich wirklich willkommen fühlen wird. Am Ende zählt nicht die Fahrt selbst, sondern die Beziehung, die zwischen den Menschen entsteht, die daran teilnehmen. Und diese Beziehung verliert ihre Bedeutung, wenn sie auf Ausschluss basiert.
Diese Communities zeigen, dass der Wandel im Radsport bereits im Gange ist. Das ist kein „Zusatz“, sondern Ausdruck dessen, was der Radsport immer schon sein konnte. Es ist daher möglich, sich eine andere Radsportwelt vorzustellen – eine, die Platz für alle schafft, die dazugehören wollen. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen allein und gemeinsam zu fahren: Allein gehört die Freiheit nur einem*r selbst. Gemeinsam wird sie zu etwas Kollektivem – einer Freiheit, die von uns und für uns geschaffen wird.

Anmerkung zur Übersetzung
* race: In der deutschen Übersetzung wird der englische Begriff race beibehalten und nicht mit Rasse übersetzt. Im englischsprachigen Raum bezeichnet race ein soziales und politisches Konstrukt, das mit Prozessen der Rassifizierung verbunden ist, während Rasse auf eine vermeintliche biologische Kategorie verweist, die wissenschaftlich widerlegt ist.

Geschrieben von Oumou Aidara
Kreative*r und Endurance-Athlet*in mit Sitz in Berlin sowie Gründer*in von Sport Is For Everyone, einer transdisziplinären Plattform und Grassroots-Initiative, die die kulturellen, sozialen und strukturellen Bedingungen untersucht, welche bestimmen, für wen Sport zugänglich ist – mit dem Ziel, ihn inklusiver zu gestalten.