Kuriere im WInd
Zwei junge Fische schwimmen gemütlich durchs Wasser, ruhig und unbeschwert. Da kommt ihnen ein älterer Fisch entgegen. Er nickt ihnen zu und sagt: „Moin, Jungs! Wie ist das Wasser heute?“
Die zwei schwimmen weiter, bis einer den anderen anschaut und fragt: „Wasser? Was ist Wasser?“
Diese kleine Parabel – bekannt geworden durch David Foster Wallace – kam mir in den Sinn, nachdem ich einen Tag lang mit den Jungs von Milano BiciCouriers durch die Stadt geradelt war. Ich hatte Andrea, einen der Gründer, nach seiner Meinung zum Verkehr gefragt. Seine Antwort – viel klüger und klarer, als ich sie hier wiedergeben kann – brachte mich genau auf diese Geschichte: „Verkehr? Was ist Verkehr?“

Nicht, weil es keine Autos, keinen Lärm und keinen Stau gäbe (gibt es zweifelsohne), oder weil die Kuriere das nicht wahrnehmen würden – sondern weil mir nach einem Tag mit ihnen auf dem Rad durch die Stadt vor allem eines auffiel: Wie sehr sie Teil dieses Stroms sind. Der Rhythmus der Ampeln, der Fluss der Autos, der Puls der Stadt selbst – alles schien in einer Art Harmonie zu vibrieren. Und über Harmonie zu reden, wenn es um Verkehr geht – der für mich bisher nur Lärm, Gestank und Gefahr bedeutete – das hat mich echt umgehauen.
Verkehr gehört nun einmal zum Landschaftsbild dazu. Aber die, die täglich zig Kilometer radeln und hunderte Kilo bewegen, fluchen nicht, wie ich es wahrscheinlich tun würde. Sie fahren mit dem Flow: Sie interagieren mit Autos, Fußgängern, Lieferwagen, lassen alles seinen Gang gehen und weichen Gefahren geschickt aus.
Schwer zu erklären, aber als ich sah, wie Andrea kurz die Hand auf ein Auto legt oder einem Fahrer zu pfeift, musste ich unwillkürlich an einen Gaucho denken, der seine Herde lenkt, oder an einen Surfer, der die Wellen studiert. Kein einziger Moment von Verdruss. Ich fuhr nach Hause und dachte: Diese Kuriere sind fahrradfahrende Samurai.
Vielleicht ist das eine naive Vorstellung – klar, ich begleitete sie an einem sonnigen Tag, ich war bloß darauf bedacht, nicht unter die Räder zu kommen und an Andrea dranzubleiben – aber genau dieses Gefühl manifestierte sich: Verkehr als Strömung, in der man sich treiben lässt, bis zu jenem verheißungsvollen Tag, an dem der Verkehr ganz verschwindet. „So wie während des Lockdowns“, meinte Alessio.

Das Leben der Kuriere
Aber zurück zum Anfang. Die Idee, mit den Kuriere auf einem ihrer Lastenräder vom Frühstück bis die Straßenlaternen die Stadt erleuchten mitzufahren und ihre Philosophie – denn darum geht‘s – zu durchdringen, kam auf, weil Selle Royal dieses Jahr ein Projekt gestartet hat, nämlich Selle Royal Support Bike Couriers.
Das Projekt vernetzt Fahrradkuriere in ganz Europa – von Kopenhagen bis Nantes, von Berlin bis Brüssel. Es bietet ihnen Produkte, Unterstützung und Sichtbarkeit, zeigt ihren Alltag und ihre Rolle in der Gesellschaft – die weit über das reine Arbeiten hinausgeht.
Denn Fahrradkuriere stehen in der ersten Reihe, wenn es um Nachhaltigkeit, Kultur und urbanen Wandel hin zu lebenswerteren Städten geht. Die Unterstützung durch Selle Royal entspringt der tiefen Überzeugung, dass das Fahrrad – auch über 100 Jahre nach seiner Erfindung – immer noch das Mittel der Wahl ist, das Veränderungen bewirken und das Leben der Menschen verbessern kann.
Die Zentrale der BiciCouriers ist ein Keller – Logistikzentrum, Büro, Werkstatt und Umkleide alles in einem. Einer jener Orte, die an Bianciardis Arbeiter-Mailand denken lassen – rau, echt, bevor Mailand Mode- und Designhauptstadt wurde.
Ihre Räder – allesamt Bullitts – sind mit Streifen und Aufklebern übersät, wie Narben, die von einem Leben erzählen, in dem für Radfahren für den schönen Schein kein Platz ist. Hier wird gearbeitet – schnell, effizient, unverzichtbar für einen Teil der Mailänder Wirtschaft.
Jedes Bike ist purer Zweck: Keine Show, kein Schnickschnack – funktional, wendig, kompromisslos leicht durch Autokolonnen und über Straßenbahnschienen zu manövrieren. Die Fahrer behandeln ihre Räder wie John Wayne sein Pferd behandelt hat. Und jedes Bullitt erzählt eine Geschichte, von der ich nur Bruchstücke wiedergeben kann. Rennräder im Geiste, Arbeitstiere in der Form: Carbonkomponenten, Klickpedale, dazu bequeme Sättel, Gurte zum Ladung sichern und unknackbare Schlösser. In den Kreisverkehren legt sich Andrea tief in die Kurve und tritt in die Pedale seines vollbeladenen Bullitts wie ein futuristischer Mensch-Maschine-Hybrid.

Ein anderes Mailand und das Herz der Kuriere
Ihre Kundschaft ist bunt gemischt: Multinationale Firmen, die sich grün geben wollen, Kommunikationsagenturen und Architekten, Hotels und B&Bs, die Wäsche brauchen, Restaurants, die Wein oder Fleisch bestellen, und manchmal Verliebte, die Blumen schicken.
Alles startet an den Schreibtischen von Renzo und Alessio, die die Aufträge für die Kuriere koordinieren. Die Routen werden nicht von einem Algorithmus generiert – jeder Radfahrer fährt seinen eigenen Weg sowieso schneller, da er die Stadt besser kennt. Jede Abkürzung, Ampel und Radweg zählt an Tagen, an denen sich Kilometer und Kilos häufen. Der Rhythmus ist konstant und wird von Mailands berühmtestem Sprichwort bestimmt: Zeit ist Geld.
Andrea oder Alessio über eine Kreuzung zu folgen heißt, ihrer fast millimetergenauen Kenntnis der Straßen zu vertrauen und sich ihrem Tempo anzupassen. Sie treten in die Pedale, einen Sekundenbruchteil bevor die Ampel grün wird. Sie wissen exakt, wo Autos von vorn kommen, und lesen den Verkehrsfluss, als ob sie den Code in der Matrix sehen würden. Kein einziger Pedaltritt ist verschwendet.
Die fünfzehn Kuriere sind jung, zäh und blitzgescheit. „Das hier machst du wegen des Gefühls von Zugehörigkeit“, berichtet mir Alessio. „Kurier zu sein ist nicht leicht, aber es ist wie eine Familie – in Mailand und überall in Europa. Wir treffen uns zum Fahren, Rennen und Zusammensein. Das ist eine Welt, die du schwer wieder verlässt.“

Andrea, einer der Gründer, fährt seit über zehn Jahren als Radkurier. Er hat jeden Tag zwischen 70 und 100 Kilometern auf der Uhr, manchmal mit 400 oder 500 Kilo Ladung. Im Jahr sind das rund 45 Tonnen, wenn nicht mehr.
Am Ende des Jahres – auch an Wochenenden, an denen er zwar nichts liefern, aber trotzdem fahren will – kommt er auf über 15.000 Kilometer. Für den Kunden taucht der Kurier nur zweimal auf – beim Abholen und Abgeben – immer mit einem Lächeln und der Ausstrahlung von jemandem, der keine Zeit zu verlieren hat.
Dazwischen liegt Mailand: Seine rauen Straßen und Schaufenster. Ob Sonne oder Regen, das ist egal. Hier wird gefahren.
Autos, Vans, selbst Roller haben keine Chance mitzuhalten. In der Stadt ist schnell klar: das Fahrrad ist die effizienteste Maschine – kein Parkplatzstress, kein Kreisen um den Block, einfach die Freiheit, an jeder Tür zu stoppen, über Radstreifen zu gleiten, in die gesperrten Zonen des Zentrums reinzurollen.
Jenseits vom Postkarten-Mailand – mit Dom, Designerläden und Jugendstilvillen – gibt es ein anderes, ungentrifiziertes Mailand: Sozialbauten, Supermärkte, Werkstätten, Lagerhallen, Graffitis, Tankstellen, Geldautomaten, Pizzerien.
Entlang dieser unscheinbaren Straßen entdeckt man ein anderes Mailand – mal düster, mal leuchtend – wo Fahrräder vorbei flitzen wie Pferde indigener Reiter. Und irgendwie, am Ende, mögen wir die vielleicht ein bisschen lieber als die von John Wayne.
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